Aus den Kinderschuhen

Der September ist der Engelmonat. Die katholische Kirche feiert am 29. September traditionell das Hochfest der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael. Aber natürlich sind wir alle Tage im Jahr von den himmlischen Boten begleitet. Zur Geburt meiner Kinder malte meine Schwester damals jeweils ein Schutzengelbild für die beiden und schenkte es uns zusammen mit einer Kinderbibel. Ein persönliches, wertvolles Geschenk und wahrer Begleiter für das ganze Leben, die trotz einiger Umzüge immer einen Ehrenplatz haben werden!

So ist es nämlich, in dem Moment, wo man auf die Welt bekommt, beginnt der Lebensweg dieser Verkörperung und die Existenzgeschichte schreibt sich fort. Dabei geht es nicht darum, in die Fußstapfen anderer zu treten, diese zu imitieren oder zu kopieren. Die Schuhe, die wir von Gott bekommen haben, sind schon auf uns massgeschneidert und passen uns ganz genau, wir können also getrost darauf vertrauen, dass wir damit unseren ganz eigenen Weg finden und beschreiten können – unsere Talente und Fähigkeiten nutzend, aber auch begleitet von Freunden, die uns stützen oder sogar aufhelfen, wenn der Weg einmal allzu holprig wird. Die Spuren, die man dabei hinterlässt, werden prägend sein für unsere weitere Existenzgeschichte. Wer sich aber anderer Leuts Schuhe anzieht – egal ob zu groß oder zu klein – wird entweder kläglich scheitern oder sein Potenzial niemals ausschöpfen können.

Ich selbst bin aus meinen Kinderschuhen ja schon ein paar Tage rausgewachsen. Auf meinem bisherigen Lebensweg bin ich vielen Menschen begegnet. Einige kamen und gingen auch wieder, einige sind geblieben. Und dann gibt es diejenigen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Leben kamen und mir erst die Augen geöffnet haben für den richtigen Weg, so steinig er auch ist.

Dieses Jahr – jetzt im Engelmonat – habe ich von einer lieben FB-Freundin ein unfassbar schönes Geschenk bekommen: sie hat nach einer Eingebung meinen persönlichen Schutzengel gemalt. Das Bild wird natürlich – ebenso wie die meiner Kinder – einen Ehrenplatz bekommen. Wieder einmal wurde mir deutlich gemacht, dass Gott uns für unser Dasein nicht nur himmlische Unterstützung zur Seite stellt, sondern auch dafür sorgt, dass wir zur rechten Zeit irdische Begleiter haben. Diese Begleiter können an einem ganz anderen Ort und uns trotzdem nah sein. Und ein jeder von uns hat zwar sein ganz eigenes Paar Schuhe, welches einen durch sein Leben trägt, aber Wege können dennoch gemeinsam beschritten werden – den Blick zur Sonne ausgerichtet. Diese Freundin kann übrigens nicht nur traumhaft malen, sondern schreibt auch wundervolle Texte. Ich kann jedem nur empfehlen, einmal ein wenig auf ihrer Homepage zu verweilen.

Leider ist gerade der Lebensweg eines sehr guten Freundes zu Ende gegangen. Über viele Jahre haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt, und zweifellos hat er seine Spuren hinterlassen. So traurig wir heute auch sind: „Nous nous reverrons un jour ou l’autre“ – eines Tages werden wir uns wiedersehen – bis wir uns aufs Neue unsere Kinderschuhe anziehen und unseren Weg weitergehen!

Sabine Patatzki

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