Cupido

Als Johannes Vermeer im 17. Jahrhundert sein „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ malte, konnte er wohl kaum ahnen, was damit im Laufe der Geschichte passieren würde. Denn ein größerer Ausschnitt des Gemäldes wurde nach erfolgter Fertigstellung übermalt. Festgestellt wurde dies 1979 mithilfe moderner Röntgentechnik, und zunächst nahm man auch an, dass Vermeer selbst es war, der sein eigenes Gemälde nachträglich abgeändert hatte. Jedoch vergingen noch einmal 40 Jahre, bis man im Jahr 2019 durch die bereits zwei Jahre zuvor begonnene Restaurierung neue Erkenntnisse gewann und feststellte, dass die Übermalung erst mehrere Jahrzehnte nach Vermeers Tod stattgefunden hat. Diese Sensation war damals Thema in den globalen Medien.

Noch bis zum 2. Januar 2022 ist in Dresden die Ausstellung „Johannes Vermeer. Vom Innehalten“ zu sehen. Was wohl Johannes Vermeer heute selbst dazu sagen würde, wenn er beobachten könnte, was mit seinem Gemälde passiert ist?

Der ursprüngliche Zustand des Bildes wurde mittlerweile wieder hergestellt, auf der Wand hinter dem Mädchen kam zum Vorschein ein Cupido, also ein Liebesgott. Es ist somit offenbar, dass das Mädchen einen Liebesbrief in den Händen hält. Und noch etwas anderes ist zu erkennen: Der Cupido tritt mit seinem Fuß auf eine Maske, die auf dem Boden liegt, daneben liegt noch eine zweite Maske. Auch diese Symbolik hat eine starke Aussage – denn die Liebe duldet weder Täuschung noch falsches Spiel, bei dem man sich hinter Masken versteckt. Liebe basiert auf Aufrichtigkeit.

Was der Künstler schon vor über 350 Jahren symbolisch mit seiner Kunst aussagen wollte, verstanden die Menschen zu Lebzeiten von Vermeer ganz genau. Heute scheint dies oft nicht mehr der Fall zu sein. Die Masken von heute sehen anders aus, aber das Thema freilich ist geblieben. Täuschung war, ist und wird immer Mittel zum Zweck sein. Die Liebe aber überwindet alles. Ich würde mir wünschen, dass wir alle wieder ERKENNEN können. Innehalten könnte doch schon einmal ein erster Schritt sein. Das galt wohl nicht nur damals, sondern heute mehr denn je.

Mit liebevollen Grüßen – Eure Sabine

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Sabine Patatzki

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