Im Fluss

Zu meiner Einschulung im Jahr 1980 bekam ich von meinen Eltern einen Füller geschenkt. Es war ein roter „Pelikan“, mit dem ich die ersten Buchstaben kritzelte und so Stück für Stück schreiben lernte.

Begleitet hat er mich nicht nur durch 13 Jahre Schulzeit, bei Matheformeln und Englischklausuren, sondern ich habe ihn nach über 40 Jahren heute noch und nutze ihn immer noch täglich! Er ist mit mir mehrfach umgezogen und wurde stets von mir wie mein Augapfel gehütet. Ich habe damit Tagebuch geführt, Liebesbriefe geschrieben und Verträge unterzeichnet. Unzählige Tintenpatronen habe ich in den vergangenen Jahrzehnten nachgefüllt.

Was sich im Laufe der Zeit gewandelt hat, ist die Tatsache, dass ich irgendwann damit aufgehört habe, alles von der Schultafel kritiklos abzuschreiben, sondern den Füller zunehmend dafür genutzt habe, meine eigenen Gedanken zu Papier zu bringen. Jeder Tropfen Tinte, der aus der Feder geflossen ist, hat ein Stück mehr von mir selbst offenbart. Es sind nach wie vor immer die 26 Buchstaben, aber die Anordnung macht den Unterschied. Ich schreibe heute nicht mehr, weil es mir jemand auferlegt, sondern weil ich es als mein persönliches Vehikel sehe, einen kleinen Beitrag zum Fluss des Lebens zu leisten.

Dabei interessiert es einen dann irgendwann auch nicht mehr, welche Note man für seine Werke bekommen würde. Es interessiert auch nicht mehr, wer es vielleicht belächelt oder sich komplett abwendet. Es entwickelt sich ein natürlicher Magnetismus. Man findet zueinander – oder eben nicht. Diejenigen aber, die bleiben, oder die sogar neu dazukommen, das sind die Menschen, die einem Vertrauen schenken, und denen man selbst auch bedingungslos vertrauen kann.

Vertrauen beinhaltet für mich auch, dass man sich im wahrsten Sinne des Wortes etwas „trauen“ kann. Bestärkt, ermutigt, geschützt. Dass man der sein darf, der man ist. Vertrauen ist – wie die Liebe – ein großes Geschenk, eine Kostbarkeit. Die Aufgaben, die einem das Leben auferlegt, können wir mit Vertrauten an unserer Seite besser bewältigen.

Wer diese Zeilen jetzt liest, liest sie natürlich online. Erst die neuen Medien haben mich zu Menschen geführt, die ich nur mit meinem altmodischen Füller nie erreicht hätte. Trotzdem habe ich soeben wieder eine Tintenpatrone nachgefüllt, denn Stillstand ist nicht angezeigt, auch wenn uns die Schritte auf unserem Weg manchmal unendlich schwerfallen. Aber das Leben fließt weiter und fordert uns jeden Tag neu.

In der letzten Zeit wurde mir sehr deutlich vor Augen geführt, wo ich Vertrauen und Liebe erfahren darf. Beides gibt es nur auf Gegenseitigkeit, wenn wir ehrlich sind zu uns selbst, zu anderen und vor allem zu Gott. Wo Vertrauen und Liebe im Fluss sind, können wir uns bewusst werden und auch Kraft durch die geistige Welt erfahren. Unsere Ängste lassen sich nicht einfach wegwischen, aber der Himmel ist unser Anker, um nicht davon fortgespült zu werden. So wie die einzelnen Tropfen eines Flusses weitergetragen werden von der Quelle bis ins Meer, so wird kommen, was unausweichlich ist. Aber es wartet das ewige Friedensreich Jesu Christi!

„Tochter Zion“ – Hymne auf den Friedensfürsten

Musik: Georg Friedrich Händel; Text: Friedrich Heinrich Ranke

Sabine Patatzki

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